Neun Jahre sind vergangen, seit uns am 16. Juni 2013 die Nachricht vom Tode Ottmar Walters ereilte. Hans Walter vom FCK-Museumsteam erinnert sich an diesem Tage an die FCK-Legende und den Weltmeister von 1954.

Bei den Anhängern des 1. FC Kaiserslautern ist die Erinnerung an den einstigen Mittelstürmer, Torjäger und Meisterspieler, den jüngeren Bruder des „großen Fritz“, überaus lebendig geblieben; unvergessen sind seine Tore, die dem FCK zu Meisterehren verhalfen sowie seine Sturmläufe und Treffer im Trikot der deutschen Nationalmannschaft — und vor allem natürlich sein schier unermüdlicher Einsatz im Endspiel um die Weltmeisterschaft 1954, als er mit seinem Bruder Fritz und drei weiteren Kameraden vom Betzenberg das „Wunder von Bern“ perfekt machen konnte.

Ottmar wurde am 6. März 1924 als Jüngster der drei Walter-Buben in Kaiserslautern geboren. Bereits im Vorschulalter war zu beobachten, wie er unverdrossen mit seinen großen Brüdern Fritz und Ludwig und Freunden aus der Nachbarschaft in der Uhlandstraße „Kanälches“ spielte und dabei ein Gummibällchen, einen zusammengewickelten Stoffklumpen oder eine leere Konservendose in die Öffnung eines Gullys zu befördern versuchte. Wie seine Brüder gelangte auch er mit acht Jahren in die Schülermannschaft des FCK.

Zunächst stand er im Schatten seines ältesten Bruders Fritz, dessen Ausnahmetalent früh erkannt wurde und ihn bereits mit 17 Jahren in die erste Mannschaft des 1. FC Kaiserslautern katapultierte und ihm erste Berufungen in Auswahlmannschaften einbrachte. Auch Reichstrainer Sepp Herberger überzeugte sich vom großen Können des jungen Fritz Walter, berief ihn zu Lehrgängen und setzte ihn im Juni 1940 erstmals als Nationalspieler in einem Länderspiel ein.

Der zu diesem Zeitpunkt sechzehnjährige Ottmar träumte zwar davon, Rennfahrer zu werden, beschäftigte sich gerne mit Motoren und absolvierte schließlich eine Ausbildung zum Kraftfahrzeugmechaniker. Aber er spielte auch gerne und sehr gut Fußball – und das Vorbild seines Bruders Fritz reizte seinen Ehrgeiz. Vollmundig verkündete er, eines Tages auch Nationalspieler zu werden. Das wiederum traute Vater Ludwig seinem „steifen Jockel“ nicht zu und es wurde schließlich sogar um ein Fass Bier gewettet, ob Ottmar je das Trikot der Nationalmannschaft tragen würde oder nicht. Immerhin absolvierte der gerade 17 Jahre alt gewordene Ottmar am 9. März 1941 sein erstes Spiel in der Ligamannschaft seines FCK und während der nachfolgenden Saison 1941/42 brachte er es in 17 Einsätzen auf 15 Torerfolge in der 1. Liga des Gaues Westmark.

Das sportliche Geschehen wurde jedoch überschattet von dem seit 1939 tobenden Zweiten Weltkrieg – und nach Fritz, der 1940 zur Wehrmacht einrücken musste, ereilte nun auch Ottmar der unheilvolle ‚Ruf zu den Waffen‘. Ottmar Walter entschied sich für den Dienst bei der Marine.

Nach Einsätzen an Marinestützpunkten im besetzten Frankreich und in den Niederlanden gelangte Ottmar nach Kiel. Dort konnte er als wertvoller Gastspieler bei den „Störchen“ von Holstein Kiel Fußball spielen und mit seiner Mannschaft sogar in die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft vordringen. Bis heute ist der torgefährliche Stürmer aus Kaiserslautern in Kiel nicht vergessen. In dieser Zeit wurde auch Reichstrainer Sepp Herberger auf den Bruder von Fritz, der bis zur kriegsbedingten Einstellung der Länderspiele im Herbst 1942 bereits 24-mal international gespielt hatte, aufmerksam und er sah ihn für die Zeit nach dem Krieg für die Nationalmannschaft vor. Nach Ottmars Versetzung nach Cuxhaven folgte dort sein nächstes fußballerisches Gastspiel.

Eine dramatische Wende nahm sein Leben im Sommer 1944, als er mit seinem Minensuchboot zu einem Einsatz im English Channel kommandiert wurde. Seit der Invasion besaßen allerdings die Alliierten die Oberhand zu Wasser und in der Luft und sein Schiff wurde von US-amerikanischen Seestreitkräften beschossen und versenkt. Von den 130 an Bord befindlichen Marinesoldaten konnten nur zwölf gerettet werden – darunter Ottmar Walter.

Bei dem Gefecht hatte Ottmar jedoch schwere Verletzungen erlitten; Splitter waren in seine Schulter und in sein Knie eingedrungen und es schien zunächst so, als könne er nie mehr richtig laufen und natürlich auch keinen Fußball mehr spielen. In der Gefangenschaft auf englischem Boden vermochte ein geschickter Chirurg die Splitter aus Ottmars Knie zu entfernen und somit das Bein zu retten. Mit anstrengenden und schmerzhaften Übungen schaffte er es unter großer Willensstärke, das Bein beweglich zu halten und auch wieder beim Fußballsport zu belasten.

Im Spätsommer 1946 wurde Ottmar Walter aus der Gefangenschaft entlassen und kehrte nach Kaiserslautern zurück. Dort war man glücklich, den Stürmer in der inzwischen von Spielertrainer Fritz neu formierten Mannschaft des FCK einsetzen zu können.

Die „Walter-Mannschaft“ machte nachhaltig von sich reden, sie wurde wiederholt Meister der Französischen Zone und kämpfte sich 1948, als wieder ein Deutscher Meister ausgespielt wurde, in das Endspiel vor. Diese Begegnung ging im August 1948 in Köln gegen den 1. FC Nürnberg zwar mit 1:2 verloren, doch der FCK galt nun als eine deutsche Spitzenmannschaft.

1950 endete die durch Krieg und Nachkriegszeit verursachte Isolation des deutschen Fußballsports und in Stuttgart kam es zum ersten Länderspiel in der Geschichte der jungen Bundesrepublik Deutschland. Gegner war die Schweiz. Fritz Walter konnte bei dieser Begegnung wegen einer Verletzung nicht auflaufen, doch Trainer Herberger vertraute dem jüngeren Bruder seines Spielmachers und ermöglichte ihm sein erstes Länderspiel. Ottmar erwies sich prompt als der auffälligste Spieler auf dem Rasen des Neckarsstadions und zeigte, dass er auch ohne seinen Bruder Fritz bestehen konnte.

Endgültig konnte Ottmar Walter seine Klasse unter Beweis stellen, als er – trotz vorangegangener Verletzungspause – das Endspiel 1951 gegen Preußen Münster mit zwei Toren zum 2:1-Sieg und zum Gewinn der ersten Deutschen Meisterschaft seines FCK entscheiden konnte.

Nach einem zweiten Meisterschaftstriumph mit dem FCK 1953 folgte ein Jahr später das Weltmeisterschaftsturnier 1954 in der Schweiz. Längst war Ottmar Stammspieler der Nationalmannschaft und er konnte mit vier Torerfolgen seinen Beitrag zum Einzug seiner Mannschaft in das Finale von Bern gegen die „Wundermannschaft“ aus Ungarn leisten. Die Torschützen in dem legendären Endspiel vom 4. Juli 1954 waren zwar Max Morlock und zwei Mal Helmut Rahn, doch Ottmar beschäftige die ungarische Abwehr ständig mit seinen Sturmläufen und seinem Rochieren auf die Flügel und hatte somit ebenfalls einen hohen Anteil an dem Erfolg.

Als Weltmeister kehrten Ottmar und sein Bruder Fritz Walter sowie Werner Liebrich, Werner Kohlmeyer und Horst Eckel nach Kaiserslautern zurück. Als Familienvater hatte er zur Existenzsicherung zuvor, am 8. Dezember 1953, in seiner Heimatstadt eine Tankstelle mit KFZ-Service eröffnet. Sogar die Wochenschau „Welt im Bild“ berichtete von diesem Ereignis. das nun in den bundesdeutschen Kinos zu sehen war. In der Pfalz drückte man seine Dankbarkeit für den Torjäger mit dem Spruch aus: „Willst Du´s dem Ottmar Walter danken, dann musst Du fleißig bei ihm tanken.“

In den Jahren nach dem Triumph von Bern blieb Ottmar von Verletzungen nicht verschont; weitere Operationen an seinem lädierten Knie wurden notwendig und waren der Grund, weshalb er es bis 1956 nur auf 21 Einsätze in der Nationalmannschaft brachte. Mit dem FCK erreichte er 1956 und 1957 erneut die südwestdeutsche Meisterschaft, doch in der Saison 1958/59 folgte mit dem Rückzug von Fritz und Ottmar Walter das Ende der glanzvollen Ära der Walter-Mannschaft.

Die Bilanz von Ottmar Walter, dem „Sigismund“ oder „Ottes“, wie er auch genannt wurde, ist sensationell: In 279 Oberligaspielen erzielte er die stattliche Anzahl von 307 Toren. Somit ist er der Rekordtorschütze aller Oberligen. Rechnet man seine in den Endrunden-, Zonenmeisterschafts- und Pokalspielen erzielten Treffer hinzu, so stehen für ihn sogar 389 Tore zu Buche, die er für seinen FCK in 356 Begegnungen erzielen konnte.

Einen geschäftlichen und persönlichen Tiefpunkt Ende der Sechzigerjahre konnte er – auch mit dem Zuspruch Sepp Herbergers und seines Bruders Fritz – aus eigener Kraft überwinden. Er gab die Tankstelle auf und wirkte bis zum Erreichen der Pensionsgrenze als zuverlässiger und beliebter Mitarbeiter bei der Stadtverwaltung Kaiserslautern.

Nach dem Tode von Fritz im Jahre 2002 übernahm er für den DFB Repräsentationsaufgaben und er war bei den Fernsehsendern wegen seiner stets freundlichen, bescheidenen und natürlichen Art ein kompetenter Interviewpartner.

Die letzte Phase seines Daseins erlebte er in einem Seniorenheim am Stadtpark von Kaiserslautern. Dort ist er am 16. Juni 2013 verstorben — von unzähligen Fußballfreunden in ganz Deutschland betrauert – aber bis zum heutigen Tag nicht vergessen.

In dankbarer Anerkennung für seine großen Leistungen erinnern sich am heutigen Tage alle FCK-Freunde des überragenden Torjägers, Meiserspielers und freundlichen Menschen Ottmar Walter.

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