Die Zeit von 1959 bis 1962 war beim 1. FC Kaiserslautern von einem großen Umbruch begleitet. Nach und nach beendeten die Meisterspieler ihre Karrieren; Werner Kohlmeyer hatte den Verein als Erster verlassen, Fritz und Ottmar Walter nahmen 1959 Abschied von der Fußballbühne, Horst Eckel wechselte 1960 nach Völklingen und Werner Liebrich hatte für 1962 den Abschluss seiner Laufbahn angekündigt. Auch Erwin Scheffler und Willi Wenzel gehörten nach 1960 beziehungsweise 1961 nicht mehr zur Ersten Mannschaft. Bei der Suche nach geeigneten Verstärkungen kam so 1962 Willy Reitgaßl vom Karlsruher SC zum Betzenberg. Der im Schaltjahr 1936 am 29. Februar geborene Offensivakteur auf der rechten Außenbahn wäre heute 85 Jahre alt geworden.

Aus der großen Waltermannschaft waren lediglich Werner Mangold, Heini Bauer und Gerhard Miksa übrig geblieben sowie Werner Liebrich, der bis zur Sommerpause 1962 das Trikot der Roten Teufel getragen hatte. Trainer Richard Schneider ermöglichte in dieser Zeit des Umbruchs vielen Talenten die Chance, sich für einen Platz in der Mannschaft des 1. FCK zu qualifizieren. Bei einigen dieser Spieler blieb es jedoch bei wenigen Versuchen. Zum Glück konnte Richard Schneider auf junge Nachwuchsspieler des FCK zurückgreifen. Hierzu zählten Jürgen Neumann, Winfried Richter, Gerd Schneider, Dieter Pulter, Manfred Feldmüller sowie der junge Torhüter Wolfgang Schnarr. Als wertvolle Spieler erwiesen sich damals auch Gerhard Settelmeyer und Günter Kasperski.

Inzwischen galt der Beschluss des DFB, in der Spielzeit 1963/64 eine Bundesliga mit 16 Vereinen einzuführen. Nach den Bestimmungen des DFB musste der 1. FCK die Saison 1962/63 als Südwestmeister abschließen, um überhaupt eine Chance zu haben, in die oberste deutsche Spielklasse aufgenommen zu werden. Eifrigste Mitbewerber um die Meisterschaft in der Oberliga Südwest waren der FK Pirmasens und Borussia Neunkirchen. Vor dieser für die Zukunft des 1. FC Kaiserslautern so eminent wichtigen Spielzeit verließ Meistertrainer Richard Schneider den Betzenberg. Sein Nachfolger Günther Brocker stand nun vor der großen Aufgabe, eine schlagkräftige Mannschaft für die Qualifikation zur Bundesliga zu formen. Die vorhandenen Spieler mussten durch einige erfahrene Kräfte verstärkt werden. Die Namen der damals neu verpflichteten Spieler ließen aufhorchen. Vor allem die beiden Stürmer Willy Reitgaßl und Erich Meier nährten sogleich die Hoffnung auf das Erreichen des großen Zieles. Der aus Gelsenkirchen gekommene Willi Kostrewa sollte indes den großen Werner Liebrich auf der Position des Mittelläufers ersetzen, ferner schlossen sich Hermann Diehl aus Mannheim und Roland „Mäxchen“ Kiefaber aus Otterbach dem 1. FCK an.

In der Tat erfüllten Willy Reitgaßl und Erich Meier („Flutlicht-Meier“) die in sie gesetzten Hoffnungen voll und ganz. Willy Reitgaßl, 1936 im bayerischen Landshut geboren, schnürte bei der SpVgg Landshut erstmals die Fußballschuhe. 1955 wurde er als Neunzehnjähriger vom VfB Coburg verpflichtet und spielte drei Jahre lang in der Bayernliga. Die Leistungen und Torerfolge des jungen, dynamischen Flügelstürmers ließen den Karlsruher SC auf ihn aufmerksam werden, der ihn 1958 unter Vertrag nahm. Bis zum Sommer 1962 bestritt Willy Reitgaßl für den KSC 95 Punktspiele in der Oberliga Süd, in denen er 33 Tore erzielte. 1960 erreichte er mit seiner Mannschaft das Endspiel um den DFB-Pokal, wo sich die Badener jedoch mit 2:3 der Borussia aus Mönchengladbach geschlagen geben mussten. In dieser Zeit absolvierte er auch je ein Länderspiel für die deutsche Amateur-Nationalmannschaft, für die B- und die A-Nationalmannschaft. In seinem Länderspiel gegen Island erzielte Willy Reitgaßl zwar ein Tor, doch er entsprach nicht dem Spielertypus, den Sepp Herberger damals gesucht hatte.

1962 suchte Willy Reitgaßl eine neue Herausforderung und ließ sich vom FCK verpflichten. Für den FCK war sein Engagement auf dem Betzenberg ohne Zweifel ein Glücksfall. Der ursprüngliche Außenstürmer zeigte seine Befähigung zum Spielmacher und wurde fortan auf der halbrechten Position eingesetzt. So konnte er aus dem offensiven Mittelfeld Regie führen und die schnellen Stürmer Winfried Richter und Erich Meier mit Vorlagen füttern. Bei den meisten seiner Auftritte trug er die Rückennummer 8, die Nummer seines großen Vorgängers auf dieser Position – die Rückennummer von Fritz Walter!

Willy Reitgaßl suchte stets selbst den Torerfolg, stieß immer wieder mit kraftvollen Sprints in den gegnerischen Strafraum vor und erzielte in der Saison 1962/63 bei 28 Oberligaeinsätzen 16 Tore. Reitgaßls dynamische Spielweise wurde von den Fans honoriert und innerhalb kurzer Zeit avancierte er zum Publikumsliebling. Nach seinem überragenden Auftritt in dem für den Gewinn der Südwestmeisterschaft vorentscheidenden Spiel gegen den Rivalen FK Pirmasens (5:2) wurde der zweifache Torschütze und Mittelfeldstratege von begeisterten Anhängern auf Schultern vom Platz getragen. Am Gewinn der Südwestmeisterschaft des 1. FCK mit dem sensationellen Torverhältnis von 110:34 und der Aufnahme des 1. FCK in die Bundesliga hatte Willy Reitgaßl hohen Anteil.

Neben seiner fußballerischen Aktivität war der Offensivspieler seinerzeit auch als Autoverkäufer in einer Ford-Niederlassung unweit des Fackelrondells tätig. Um Willy Reitgaßl weiter an den FCK binden zu können, erwirkte man beim DFB die Erlaubnis, die vorgesehene monatliche Einkommensgrenze in der Bundesliga für ihn von 1.200 D-Mark auf 1.500 D-Mark erhöhen zu dürfen.

Trotz mancher Zweifel konnte der 1. FCK die Klasse halten. 1963 erhielt Willy Reitgaßl in dem gewitzten niederländischen Nationalspieler Co Prins auf der halblinken Position einen kongenialen Partner im offensiven Mittelfeld. Bis Ende 1967 war Willy Reitgaßl auch in der Bundesliga mit starken Leistungen und zahlreichen Toren einer der Garanten für FCK-Erfolge. 129 Punktspiele in der Bundesliga und 32 Tore standen auf seinem Konto; inzwischen führte er als Mannschaftskapitän sein Team auf das Spielfeld. 1966 eröffnete der 1. FCK die Saison mit einem Spiel gegen West Ham United, das nur fünf Wochen nach dem dramatischen Finalspiel in Wembley mit drei frisch gebackenen Weltmeisterspielern auf dem Betzenberg gastierte. Die Engländer gewannen mit 2:1, wobei Willy Reitgaßl das Pech hatte, dass ein von ihm geschossener Foulelfmeter über die Querlatte zur Westkurve flog. Am 34. Spieltag der Saison am 3. Juni 1967 erzielte er das goldene Tor zu einem knappen 1:0-Sieg gegen Hannover 96, der dem 1. FCK den fünften Platz in der Abschlusstabelle sicherte. Es sollte sein letztes Tor für den FCK sein. In der Spielzeit 1967/68 kam Willy Reitgaßl nur noch zu drei Einsätzen. Am 2. Dezember 1967 wurde er im Spiel gegen Borussia Dortmund (2:2) zum letzten Mal eingewechselt. Von gesundheitlichen und privaten Problemen war damals die Rede. Während seiner Zeit am Betzenberg hatte er es auf insgesamt 195 Pflichtspiele für den FCK gebracht, in denen er insgesamt 56 Tore erzielte.

1968 verließ der sympathische Bayer die Pfalz und schloss sich dem niederländischen Verein Sittardia Sittard an, der sich noch im gleichen Jahr mit Fortuna 54 aus der Nachbarstadt Geleen zu Fortuna Sittard zusammenschloss. Bei den Niederländern in der Provinz Limburg nahe der deutschen Grenze kam Willy Reitgaßl nur noch zu zehn Pflichtspieleinsätzen. Er kehrte nach Deutschland zurück und beendete seine Laufbahn in Kirchenbollenbach, einem Ortsteil von Idar-Oberstein. Lange hörte man in Kaiserslautern nichts mehr von dem einstigen Publikumsliebling. Die Nachricht von seinem viel zu frühen Tod mit 52 Jahren am 23. August 1988 löste Trauer und Betroffenheit rund um den Betzenberg aus.

Am 29. Februar 2021 wäre Willy Reitgaßl 85 Jahre alt geworden. In einer wichtigen Phase der FCK-Geschichte hat er mit überragenden Leistungen seinem Verein zu bedeutenden Erfolgen verholfen. Mit Dankbarkeit und Respekt gedenkt der 1. FCK seinem einstigen Spielmacher und Mannschaftskapitän.

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RT @Polizei_KL: #Fußball ⚽️auf dem #Betze in #Kaiserslautern. Die @Rote_Teufel empfangen am Samstag @Holstein_Kiel. Los geht es um 13:00 U…

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