Er war einer der bedeutendsten Spieler in der Geschichte der Roten Teufel, Deutscher Meister 1951 und 1953 sowie Weltmeister 1954. Vor 24 Jahren, am 20. März 1995, verstarb Werner Liebrich. Hans Walter erinnert sich an einen großen Sportler.

Am 11. März 1962 gastierte die Mannschaft von Mainz 05 in der damaligen Oberliga Südwest auf dem Betzenberg. Der FCK galt in diesem Spiel als klarer Favorit, denn die Mannschaft um Kapitän Werner Liebrich konnte sich kurz vor Ende der Saison noch Chancen auf den zweiten Tabellenplatz ausrechnen. Doch die Begegnung gegen die Elf aus Mainz lief nicht nach Wunsch der Roten Teufel und ihrer Anhänger. Bis zur Halbzeit führten die „Nullfünfer“ bereits mit 2:0 Toren. Vor allem im Angriffsspiel des FCK knirschte an diesem Nachmittag Sand im Getriebe, das Zusammenspiel wollte nicht gelingen und überdies hatte Schedler im Tor der Mainzer einen ausgezeichneten Tag erwischt und vereitelte einige gute Chancen der Lauterer. Zu allem Überfluss verletzte sich Läufer Gerd „Butzel“ Schneider und personell geschwächt, musste der FCK die Endphase des Spiels bestreiten. Unverdrossen setzten die Roten Teufel ihre Bemühungen um eine Verbesserung des Resultats fort. Vor allem Werner Liebrich schien zu spüren, dass das Spiel noch nicht verloren war. Der rotblonde Mittelläufer gab lautstark Anweisungen an seine jüngeren Kameraden, seine Gestik und Mimik waren eindeutig: Kämpft, Männer, alles nach vorne!

Aber erst in der 83. Minute gelingt Winfried Richter der längst fällige Anschlusstreffer zum 2:1. Nun hält es unseren Weltmeister-Stopper nicht mehr im Abwehrzentrum, nein, Werner Liebrich stürmt mit. Und der „Kleine Fahrer“ wird prompt belohnt: Mit einem Drehschuss gelingt ihm in der 85. Minute der Ausgleich! 2:2! Die zuvor murrenden Zuschauer unterstützen ihren FCK nun lautstark – und zwei Minuten vor Spielende fädelt Werner Liebrich erneut einen Angriff ein – der Ball kommt zu Settelmeyer und der erzielt das erlösende 3:2 für Kaiserslautern. Freude und Jubel seitens des FCK kannten keine Grenzen mehr – in Unterzahl wurde ein verloren geglaubtes Spiel noch gedreht. Aber jeder auf dem Platz und auf den Rängen wusste, wem dieser Erfolg zu verdanken war: Werner Liebrich. Mit seiner Routine und Übersicht, mit seinem unermüdlichen Einsatz hat er als mitreißendes Vorbild die junge FCK-Mannschaft auf die Siegerstraße geführt.

Viele der Zuschauer stellten sich nach dieser Begegnung die bange Frage, wie es um diese Mannschaft, um den FCK bestellt sein wird, wenn Werner Liebrich, wie von ihm angekündigt, nach der Saison 1961/62 seine Laufbahn beenden würde. Die Heimspiele in der Intertoto-Runde 1962 gegen Tatabanya, Amsterdam und Nancy waren für Werner  Liebrich tatsächlich die letzten Pflichtspiele auf dem Betzenberg. Die FCK-Anhänger verabschiedeten Werner mit viel Wehmut. Mit ihm war der letzte Weltmeister von 1954 aus den Reihen des FCK ausgeschieden; der Kapitän, der nach Ende der „Walter-Ära“ mit Erfolg geholfen hatte, eine junge Mannschaft zu formen und zu stabilisieren, stand ein Jahr vor Einführung der Fußball-Bundesliga nicht mehr zur Verfügung.

Dieser Werner Liebrich wurde im Januar 1927 als zweiter Sohn eines Stukkateurs geboren. Die Familie, zu der Werners um etwas mehr als drei Jahre älterer Bruder Ernst gehörte, war auf dem Kotten zu Hause. Die Kindheit von Ernst und Werner wurde im Herbst 1933 durch die Verhaftung und Verurteilung ihres Vaters wegen „feindseliger kommunistischer Propaganda“ gegen den NS-Staat Hitlers getrübt. Die 22-monatige Haft des Vaters war ein traumatisches Erlebnis für die Jungen. Mutter Erna Liebrich tat trotz wirtschaftlicher Schwierigkeiten alles, ihre Buben vor der Ächtung als „Kinder eines politisch Unzuverlässigen“ zu bewahren. Sie nähte ihnen Sportsachen und sorgte dafür, dass sie im Verein Fußball spielen konnten.

Beide gelangten zum FCK, Ernst konnte 1941 seine ersten Einsätze in der Aktivenmannschaft verbuchen, Werner absolvierte 1944 als Siebzehnjähriger seine ersten Spiele in der „Gauliga Westmark“. Wehrdienst und Kriegsende überstanden Ernst und Werner unversehrt – und der im Oktober 1945 aus sowjetischer Gefangenschaft heimgekehrte Fritz Walter konnte beim Aufbau einer neuen FCK-Mannschaft auf die Liebrich-Brüder zählen; als der „Große Fahrer“ und der „Kleine Fahrer“ gehörten sie fortan zu den wichtigsten Stützen der legendären „Walter-Mannschaft“.

Ernst und Werner standen Seite an Seite 1948 beim ersten Nachkriegsendspiel in Köln auf dem Platz und 1951 und 1953 gewannen sie für ihren FCK die Deutsche Meisterschaft. Auf den zweikampf- und kopfballstarken, disziplinierten Werner war auch Bundestrainer Sepp Herberger aufmerksam geworden. 1951 berief er ihn erstmals in die Deutsche Nationalmannschaft. Bis 1956 absolvierte Werner Liebrich 16 Spiele im Trikot des DFB.

1954 gehörte Werner Liebrich mit vier weiteren FCK-Akteuren zum Aufgebot des DFB für das Weltmeisterschaftsturnier in der Schweiz. Bei der 3:8-Niederlage der deutschen „B-Elf“ gegen Ungarn absolvierte Liebrich seinen ersten WM-Einsatz. Im Viertelfinalspiel gegen Jugoslawien machte er mit einer hervorragenden kämpferischen Leistung auf sich aufmerksam. Somit gehörte er beim 6:1-Halbfinale gegen Österreich und beim Endspiel in Bern gegen Ungarn zur Mannschaft, die Sepp Herberger auf den Platz schickte. Der 3:2-Triumph beim „Wunder von Bern“ war auch für Werner Liebrich strahlender Höhepunkt einer großartigen Karriere.

Als am 1. Dezember 1954 die deutsche Nationalmannschaft im Londoner Wembley-Stadion ein Freundschaftsspiel gegen England 1:3 verlor, hinterließ Werner Liebrich auf Seiten der deutschen Mannschaft den stärksten Eindruck. Englische Pressevertreter bezeichneten ihn als „the lion of Wembley“ – den Löwen von Wembley.

Werner Liebrich baute sich in der Eisenbahnstraße in Kaiserslautern ein stattliches Haus (noch heute prangt sein Namenszug über dem Erdgeschoss), er gab seine Tätigkeit bei der Bundespost auf und wurde als Geschäftsmann selbstständig. Nach seiner Zeit als aktiver Spieler fungierte er als Trainer beim FCK und übernahm vom Februar 1965 bis zum Saisonende ‘65 das Training der Bundesligamannschaft. Seine Fans konnten ihn damals auch oft als Spieler der Traditionsmannschaft des FCK bewundern.

Werner Liebrich, der vorbildliche Kämpfer, der Mann mit ausgeprägtem Gerechtigkeitsempfinden, der nach außen so hart wirkte, in Wirklichkeit aber verletzlich war, hat 355 Pflichtspiele für seinen FCK absolviert und dabei – für einen Mittelläufer beachtlich – 28 Tore erzielt. Viele große Siege konnte er verbuchen – einen Kampf hat er aber verloren: den Kampf gegen eine tückische Infektionskrankheit, die ihm seit der WM in der Schweiz immer wieder zu schaffen gemacht hatte. Im Klinikum seiner Heimatstadt, der er – wie dem FCK – immer die Treue gehalten hatte, verstarb Werner Liebrich am 20. März 1995 im Alter von nur 68 Jahren.

Auch 24 Jahre nach seinem Tod hat Werner Liebrich nichts von seiner Popularität eingebüßt, besitzt sein Name nach wie Strahlkraft, ist er eines der großen Idole geblieben, die das Ansehen und den Ruhm unseres 1. FC Kaiserslautern mitbegründet haben.

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