Am 18. Januar 2019 wäre Werner Liebrich 92 Jahre alt geworden. Hans Walter erinnert an einen der bedeutendsten Fußballer in der Geschichte des 1. FC Kaiserslautern.

Als Werner Liebrich am 1. Juli 1962 seine aktive Fußballerlaufbahn nach einem Spiel seines 1. FC Kaiserslautern bei der ungarischen Mannschaft Tatabánya beendete und die Kapitänsbinde an Werner Mangold übergab, konnte er auf eine überragende Karriere zurückblicken.

In nicht weniger als 355 Pflichtspielen hatte er als Mittelläufer die Abwehr des FCK ausgezeichnet organisiert, war er mit seiner Mannschaft neun Mal Südwestmeister geworden, in fünf Endspiele um die Deutsche Meisterschaft eingezogen und zwei Mal mit der Meisterschale in seine Heimatstadt Kaiserslautern zurückgekehrt – 1951 und 1953. Gegen Ende seiner Karriere ist er Kapitän der jungen FCK-Mannschaft, die 1961 das Endspiel um den DFB-Pokal erreicht, gegen Werder Bremen aber mit 0:2 verliert.

Auf den disziplinierten, zweikampf- und kopfballstarken Mittelläufer war auch Bundestrainer Herberger aufmerksam geworden und 1951 berief er Werner Liebrich in die deutsche Nationalmannschaft. Bis 1956 absolvierte Liebrich 16 Länderspiele im Trikot des DFB. 1954 gehörte er mit vier weiteren FCK-Akteuren zum Aufgebot des DFB für das Weltmeisterschaftsturnier in der Schweiz.

Bei der 3:8-Niederlage der deutschen „B-Mannschaft“ gegen Ungarn, die damals beste Elf der Welt, hatte Werner Liebrich seinen ersten WM-Einsatz. In der Viertelfinalbegegnung gegen die favorisierte Mannschaft aus Jugoslawien bot Werner Liebrich eine überragende Abwehrleistung und hatte somit hohen Anteil am 2:0-Erfolg des deutschen Teams, das nun im WM-Halbfinale gegen Österreich stand. Werner Liebrich war nun eine feste Größe in der Abwehr der deutschen Mannschaft, die sich in einem ausgezeichneten Spiel gegen Österreich mit 6:1 den Einzug in das Endspiel sicherte.

Der sensationelle 3:2-Triumph der deutschen Elf gegen die ungarische „Wundermannschaft“ im Berner Wankdorfstadion war für Werner Liebrich strahlender Höhepunkt einer großartigen Karriere. Internationale Journalisten bezeichneten ihn wegen seiner präzisen Kopfbälle, seines großen Kampfgeistes, seiner Übersicht und seiner Fähigkeit, aus der Abwehr mit überlegtem Abspiel einen Angriff der eigenen Mannschaft einzufädeln, nach dem Turnier als „besten Stopper“ der Welt.

Als am 1. Dezember 1954 die deutsche Nationalmannschaft im Londoner Wembley-Stadion ein Freundschaftsspiel gegen England 1:3 verlor, hinterließ Werner Liebrich auf deutscher Seite den stärksten Eindruck. Englische Pressevertreter nannten ihn damals „the lion of Wembley“ – den Löwen von Wembley.

Alle seine Erfolge hatte sich Werner Liebrich indes hart erarbeiten müssen, nichts ist ihm in den Schoß gefallen, nichts wurde ihm geschenkt. Werner wurde am 18. Januar 1927 als zweiter Sohn eines Stuckateurs geboren. Die Familie, zu der auch Werners um etwas mehr als drei Jahre älterer Bruder Ernst gehörte, war in dem Kaiserslauterer Arbeiterviertel „Kotten“ zuhause. Die Kindheit von Ernst und Werner wurde im Herbst 1933 durch die Verhaftung und Verurteilung ihres Vaters wegen „feindseliger kommunistischer Propaganda“ gegen Hitlers NS-Staat erheblich getrübt. Die 22-monatige Haft des Vaters war ein traumatisches Ereignis für die beiden Jungen.

Mutter Erna Liebrich tat trotz wirtschaftlicher Schwierigkeiten alles, was in ihren Kräften stand, ihre Buben vor der Ächtung als „Kinder eines politisch Unzuverlässigen“ zu bewahren. Sie achtete darauf, dass Ernst und Werner eifrig lernten und gute Schulzeugnisse erhielten, nähte ihnen Sportsachen und sorgte dafür, dass sie im Verein Fußball spielen konnten. Während Bruder Ernst bereits 1941 in der Aktivenmannschaft des 1. FC Kaiserslautern zum Einsatz kam, absolvierte Werner 1944 als Siebzehnjähriger seine ersten Spiele in der „Gauliga Westmark“.

Wehrdienst und Kriegsende überstanden die beiden Brüder unversehrt – und der im Oktober 1945 aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft heimgekehrte Nationalspieler Fritz Walter konnte somit beim Aufbau einer neuen FCK-Mannschaft auf Ernst und Werner zählen; als der „Große Fahrer“ und der „Kleine Fahrer“ gehörten sie fortan zu den wichtigsten Stützen der legendären „Walter-Mannschaft“. 1948 standen beide beim ersten Endspiel um die Deutsche Meisterschaft gegen den 1. FC Nürnberg auf dem Rasen des Kölner Stadions. Dieses Spiel ging zwar verloren, in den nachfolgenden Jahren aber sollte der FCK zur überragenden Mannschaft im deutschen Fußball aufsteigen. Mutter Erna Liebrich war es nicht vergönnt, die großen Erfolge ihrer beiden Söhne mitzuerleben; 1949 war sie – viel zu früh – verstorben.

1958/59 zeichnete sich das Ende der Walter-Mannschaft ab; Ernst Liebrich und weitere Meisterspieler hatten ihre Laufbahn bereits beendet, 1959 nahm auch Fritz Walter Abschied vom Fußballsport und ein Jahr später wechselte Horst Eckel aus beruflichen Gründen nach Völklingen.

Als letzter aktiver Weltmeister blieb Werner Liebrich, nunmehr Kapitän der „Roten Teufel“, seinem 1. FCK erhalten. An ihm, der weiterhin in vielen Spielen wie ein starker Fels in der Brandung seiner Abwehr Sicherheit verlieh, konnten sich die jungen Nachwuchstalente orientieren und aufrichten.

Wie wertvoll Werner Liebrich in der schwierigen Übergangszeit zwischen der Walter-Mannschaft und der Einführung der Bundesliga war, zeigt ein Spiel der damaligen Oberliga Südwest vom 11. März 1962 auf dem Betzenberg. An diesem Sonntag gastierte die Mannschaft von Mainz 05 in Kaiserslautern. Der FCK galt in dieser Begegnung als klarer Favorit, denn die Mannschaft um Werner Liebrich konnte sich kurz vor Ende der Saison noch Chancen auf den zweiten Tabellenplatz ausrechnen. Doch das Spiel gegen die Elf aus Mainz lief nicht nach dem Wunsch der „Roten Teufel“ und ihrer Anhänger. Bis zur Halbzeit führten die „Nullfünfer“ bereits mit 2:0 Toren. Vor allem im Angriffsspiel des FCK knirschte an diesem Nachmittag Sand im Getriebe, das Zusammenspiel wollte nicht gelingen und überdies hatte Schedler im Tor der Mainzer einen ausgezeichneten Tag erwischt und vereitelte einige gute Chancen der Lauterer. Zu allem Überfluss verletzte sich Läufer Gerd „Butzel“ Schneider und personell geschwächt musste der FCK die Endphase des Spiels bestreiten. Unverdrossen setzten die Roten Teufel ihre Bemühungen um eine Verbesserung des Resultates fort. Vor allem Werner Liebrich schien zu spüren, dass das Spiel noch nicht verloren war. Der rotblonde Mittelläufer gab lautstarke Anweisungen an seine jüngeren Kameraden, seine Gestik und Mimik waren eindeutig: „Kämpft, Männer, alles nach vorne!“ Aber erst in der 83. Minute gelang Winfried Richter das längst fällige Anschlusstor zum 1:2. Nun hielt es den Weltmeister-Stopper nicht mehr im Abwehrzentrum, nein, Werner Liebrich stürmte energisch mit. Und der „Kleine Fahrer“ wurde prompt belohnt: Mit einem Drehschuss gelang ihm in der 85. Minute der Ausgleich. 2:2! Die zuvor murrenden Zuschauer unterstützten ihren FCK nun lautstark – und zwei Minuten vor Spielende fädelte Werner Liebrich erneut einen Angriff ein – der Ball kam zu Settelmeyer und der erzielte das erlösende 3:2 für Kaiserslautern! Die Freude war riesengroß, denn in Unterzahl wurde ein verloren geglaubtes Spiel noch gewonnen. Aber jeder auf dem Platz wusste, wem dieser Erfolg zu verdanken war: Werner Liebrich. Mit seiner Routine und Übersicht, mit seinem unermüdlichen Einsatz hatte er als mitreißendes Vorbild die junge FCK-Mannschaft auf die Siegerstraße geführt.

Knapp drei Monate später endete die Ära Werner Liebrich beim 1. FC Kaiserslautern. Die FCK-Anhänger verabschiedeten Werner mit viel Wehmut und der bangen Frage, ob die neu formierte Mannschaft ohne ihren Kapitän und Weltmeister den Sprung in die ein Jahr später startende Bundesliga schaffen würde.

Werner Liebrich hätte noch mindestens ein Jahr länger Fußball spielen können, denn ein kanadischer Erstligaclub bemühte sich intensiv um den Lautrer Weltmeister und legte ihm ein verlockendes Angebot vor. Aber Liebrich, der zunächst als Postbeamter tätig war, sich 1956/57 ein stattliches Wohn- und Geschäftshaus in der Eisenbahnstraße baute und schließlich als Geschäftsmann selbstständig wurde, hatte andere Pläne und lehnte die Offerte ab. Er erwarb die Trainerlizenz und trainierte im Jahre 1965 für drei Monate die damals abstiegsbedrohte Mannschaft seines FCK und sicherte mit ihr den Klassenerhalt. Später trainierte er die Amateurmannschaft des FCK.

Werner Liebrich, der vorbildliche Kämpfer, der Mann mit ausgeprägtem Gerechtigkeitsempfinden, der nach außen oft hart wirkte, in Wirklichkeit aber verletzlich war, erreicht esehr viel in seinem Leben– einen Kampf aber verlor er, den Kampf gegen eine tückische Infektionskrankheit, die ihm seit der WM 1954 in der Schweiz immer wieder zu schaffen gemacht hatte. Im Klinikum seiner Heimatstadt, der er – wie seinem FCK – immer die Treue gehalten hatte, verstarb Werner Liebrich am 20. März 1995 in Alter von nur 68 Jahren.

Auch mehr als zwanzig Jahre nach seinem Tod hat Werner Liebrich nichts von seiner Popularität eingebüßt, besitzt sein Name nach wie vor Strahlkraft, ist er eines der großen Idole geblieben, die das Ansehen und den Ruhm unseres 1. FC Kaiserslautern mitbegründet haben.

An seinem Geburtstag gedenken wir in Dankbarkeit eines ganz großen Fußballsportlers und eines aufrichtigen Menschen.

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