Die Ausgangslage
Darmstadt schwimmt – und zwar immer noch auf der Welle der Euphorie des Aufstiegs. So scheint es zumindest. Aber im Grunde ist die Mannschaft von Trainer Dirk Schuster so etwas wie das Pendant zu Leipzig. Mit wenig Geld wurde hier eine Mannschaft geformt, die nach dem Aufstieg in die zweite Bundesliga prompt um den nächsten Aufstieg mitspielt. Mit 50 Punkten und damit vier Zähler hinter dem 1. FC Kaiserslautern steht der SV Darmstadt 98 auf dem vierten Platz und hat die Aufstiegsränge fest im Visier. Die „Lilien“ sind eine der heimstärksten Mannschaften der Liga. 32 Punkte heimste der Club bisher zuhause ein und verlor dort nur ein Spiel. Deswegen ist die Ausgangslage klar definiert: Beide Teams werden auf Sieg spielen, wobei Darmstadt schon einen Dreier landen müsste, um den Roten Teufel in der Tabelle auf die Pelle zu rücken.
Im ausverkauftem Merck-Stadion am Böllenfalltor (alle 16.500 Tickets sind weg) erwartet den FCK ein heimstarker und angriffslustiger Gegner. Die Binsenweisheit „In einem Stadion mit Laufbahn kommt keine Stimmung auf“ trifft hier keinesfalls zu, denn die Darmstädter Fans haben ihre Erstklassigkeit mehrfach bewiesen. Vor der Partie gegen Leipzig besuchten beispielsweise dutzende Anhänger das Abschlusstraining und unterstützten die Mannschaft mit einer Choreografie. Kosta Runjaic, der von 2010 bis 2012 Trainer in Darmstadt war, weiß um die Stärken des Teams und kennt die Stimmung im Stadion: „Darmstadt wird uns alles abverlangen. Dort wird richtig gute Stimmung sein – das Stadion ist ein absoluter Hexenkessel.“
Ebenfalls (mehr als) erstklassig sind die FCK-Fans, von denen mindestens 2.200 im Stadion für Wallung sorgen werden. Wie wichtig diese Reiselust der Schlachtenbummler ist, betonte FCK-Sportdirektor Markus Schupp auf der Pressekonferenz vor dem Spiel: „Das kann das berühmte Zünglein an der Waage werden. Unsere Fans können bei der Mannschaft noch mal die letzten Prozente rauskitzeln.“
Darmstädter Stärken
Ein Grund für die konstant guten Leistungen ist vermutlich der Teamgeist der Darmstädter. Selbst nach dem bitteren Last-Minute-Treffer zum 1:2 durch Leipzigs Torwart (!) Fabio Coltorti im letzten Spiel richtet Mittelfeldspieler Hanno Behrens die Blicke gleich wieder nach vorne: „Uns wirft so schnell nichts um, auch nicht dieses Spiel. Unser Teamgeist ist überragend, daher werden wir uns nicht lange mit der Niederlage aufhalten.“ Doch Teamgeist alleine sorgt nicht mal in der Kreisliga für Punkte. Trainer Dirk Schuster und der sportliche Leiter Tom Eilers haben aus einer No-Name-Truppe der dritten Liga eine qualitativ hochwertige und vor allem eingespielte Zweitliga-Mannschaft geformt.
Garant für den Erfolg sind die Tore von Dominik Stroh-Engel. In 62 Spielen für den SVD hat der Angreifer mit dem Schnorres 36 Treffer erzielt und belegt dank neun Saisontoren aktuell den vierten Rang in der Zweitliga-Torschützenliste. Kollege Jan Rosenthal sollte für weitere Offensivpower sorgen, doch die 29-jährige Winterleihgabe von Eintracht Frankfurt stand in zehn Spielen bisher nur zweimal in der Startelf und konnte noch nicht wirklich überzeugen.
Weiter hinten lauern ebenfalls zwei heimliche Torjäger: Innenverteidiger Romain Brégerie traf bereits fünfmal und Aytac Sulu netzte vierfach – Spitzenwerte für Abwehrrecken. Kein Wunder, betrachtet man sich die Maße der Hünen: Stürmer Stroh-Engel (1,97 Meter), Sulu (1,85 Meter) und Brégerie (1,89 Meter) kiebitzen fast über das Dach am Böllenfalltor und sind bei Standards brandgefährlich. Ein Blick ins Gartenbuch unter dem Stichwort „Lilien“ bestätigt die Vermutung: „Neben kleineren Exemplaren, die etwa 40 Zentimeter hoch werden, gibt es auch ausufernde Sorten, die gerne mal die zwei Meter erreichen.“ Das erklärt einiges. Ein weiterer Pluspunkt dieses Bollwerks ist das Umschaltspiel. Bei Ballgewinn pflanzen sich die „Lilien“ blitzschnell nach vorne und sorgen für Gefahr.
Gegentore kassieren sie übrigens ungern. Hinter dem FCK (22 Gegentreffer) stellt der SVD die zweitstärkste Abwehr der Liga und ließ nur 23 Tore zu. Dass beide Sturmreihen die gegnerische Abwehr trotzdem in Bedrängnis bringen werden, daran lässt FCK-Trainer Runjaic keine Zweifel: „Ich bin mir sicher, dass am Samstag Tore fallen werden.“ Hoffentlich auf der richtigen Seite.
Das Personal
Beim FCK muss Torhüter Tobias Sippel wegen eines Muskelfaserrisses erneut passen, für ihn steht Marius Müller bereit. Weil Innenverteidiger Dominique Heintz wieder fit ist, herrscht in der Abwehr der Roten Teufel ein Konkurrenzkampf. Wer neben Kapitän Willi Orban spielen wird, ließ Runjaic offen. Stürmer Simon Zoller plagen erneut Probleme im Oberschenkel. Kann Zoller nicht spielen, sind Philipp Hofmann oder Sebastian Jacob offensive Optionen. Für Hoffmann spricht seine körperliche Ausstrahlung, die er, ebenso wie Markus Karl, in der Defensive gegen die Kopfballungeheuer der Darmstädter einsetzen könnte. Darmstadt muss lediglich auf Fabian Holland verzichten, der aufgrund seiner fünften gelben Karte gegen Leipzig gesperrt ist.
Fazit
Zwei erstklassige Fanlager, zwei starke Mannschaften und eine tabellarische Brisanz, die die Kategorie dieses Spiels mit dickem Filzstift unterstreicht – es ist Topspiel-Zeit! Der FCK könnte mit seinem zweiten erfolgreichen Auswärtsspiel in Folge den zweiten Tabellenplatz zementieren und einen direkten Konkurrenten auf Distanz halten. Dass es kein Spaziergang über die grüne Wiese in Darmstadt werden wird, sollte klar sein: „Lilien“ besitzen einen hartnäckigen Blütenstaub, vor allem zuhause.



